Blog der unique relations GmbH

Agentur für Kommunikation mit Geist, Witz und Salomo

Juni 12, 2009

It’s the Vortragender not the Vortrag

“It’s the singer, not the song”, sangen einst die Rolling Stones. Beim Rückblick auf die Referenten auf der next09 lässt sich analog festhalten: Der Erfolg eines Vortrags hängt weniger vom Inhalt ab, als vom Referenten. Das Beispiel des Martin “Mick” Oetting-Jagger.

Der Name “Oetting” darf beim Rückblick auf die diesjährige next conference in Hamburg nicht fehlen. Warum eigentlich? Oettings Fünf-Minuten-Vortrag zum Thema virales Marketing kratzte inhaltlich nur an der Oberfläche und enthielt nicht viel Neues. Doch der Vortrag des Viral-Pioniers von der Agentur trnd war und ist Gesprächsthema – beim next-Buffet, bei Twitter und in der Blogosphäre. Kann man also an Oettings Art des Vortragens einen Grund für den Applaus des Publikums festmachen?

Man kann. Ich habe mir mehrere Vorträge auf der next09 angesehen und Einstieg, Präsentation, Sprache und Gestik der Referenten verglichen. Mein Fazit: Fachliche Kompetenz, routiniertes Vortragen und souveräne Gestik allein bringen den Funken nicht zum Überspringen. Es bedarf auch des Charismas des Redners sowie einer Portion Schneid und Chuzpe. In dieser Hinsicht stach Oettings Vortrag im Vergleich zu anderen heraus.

Einstieg: provokativ statt klassisch

Der Einstieg in den Vortrag wird auf der next09 (wie überall) klassisch gelöst – mit der Vorstellung: “Mein Name ist ABC von der Firma XYZ und ich möchte Ihnen heute etwas zum Thema 123 erzählen.” Prädikat: solide, aber nicht mitreißend.

Mitreißend präsentiert sich dagegen Martin Oetting. Der “Rockstar” der Branche hat den Vorteil, sich nicht vorstellen zu müssen. Er ist in der Szene bekannt und erster Redner beim Streitgespräch zum Thema: Viral online gegen Viral offline. Was funktioniert besser?

“Die Frage ist natürlich Quark”, meistert Oetting den Einstieg. Die Provokation im ersten Satz erregt Aufmerksamkeit. Dazu präsentiert er das Foto eines Quarks – ein Gag, der ihm das Wohlwollen der Zuhörer sichert. “Weil hier Äpfel mit Birnen verglichen werden”, fährt Oetting fort. Das Bild: Apfel neben Birne. Schon jetzt gehört Oetting das Publikum.

Präsentation: intelligent-witzig statt nüchtern-informativ

Die next09-Referenten scheuchen die Zuhörer durch mehr oder weniger spannende Themen, bieten viele Informationen, aber wenig Abwechslung. Kleine Videos, PowerPoint-Präsentationen und Folien mit Spiegelstrichen sind natürlich nicht ungeeignet, aber auch nicht einfallsreich. Und leider entpuppt sich die eine oder andere “ganz praktische” Präsentation als eintöniges Surfen durch unübersichtliche Seiten mit viel zu vielen Features.

Als Sackgasse erweist sich überdies allzu oft die Präsentation von Kundenreferenzen. Die Zuhörer möchten hier etwas über Werbung erfahren, aber nicht plump damit konfrontiert werden.

Wie es anders geht, zeigt wiederum Oetting, der bei seiner Präsentation ohne Text auskommt. Wie bei “Quark”, “Äpfeln” und “Birnen” visualisieren seine Keynotes die wichtigen Schlagwörter des Vortrages mit Bildern – klickgenau. Die Highlights: “Lauffeuer” (Jogger neben Feuer) und “Klickvieh” (Computer-Maus neben Kuh).

Das ist nicht nur flott und witzig, sondern auch nützlich: Die Präsentation lenkt nicht vom Inhalt ab, sondern verbildlicht die wichtigen Elemente des Vortrags. Die so visualisierte Botschaft aus Bild und Schlagwort bleibt hängen. Eine weitere Oetting-Qualität ist seine Spontaneität: So erntet Oetting Szenenapplaus mit einem Seitenhieb auf Moderator Lobos Irokesenfrisur (”Verrückte Typen erkennt man sogar an den Haaren”).

Sprache: Klartext statt Fachvokabular

Die meisten Referenten setzten vor dem next-Fachpublikum Fremd- und Fachbegriffe als bekannt voraus. Das ist verständlich, aber oft zu optimistisch umgesetzt: “Assoziative Technologie”, “Analyse-Funktionalität”, “Drill-Down”, “Kennzahl-Perspektive”, “Reporting-Template” und “Performance-Kultur” erklären sich zwar irgendwie im Zusammenhang. Die Anhäufung dieser Begriffe vermag die Begeisterung des gefährlich halbwissenden Zuhörers aber eher nicht zu erwecken.

Lange Sätze und sperrige Konjunktiv-Konstruktionen (”Und das wollte ich ganz gerne einfach mal an einem Beispiel darstellen”) verschleppen die Dynamik. Das Gesprächstempo ist wohltemperiert, aber gleich bleibend monoton.

Nicht besser im Hinblick auf das Sprechtempo macht es Martin Oetting. Auch er trifft nicht das mittlere Grundtempo, das den Zuhörern ermöglichen soll, die präsentierten Inhalte aufzunehmen und zu verarbeiten. Oetting hetzt durch die Präsentation, gedrängt von der kurzen Vortragszeit von fünf Minuten. In diesem Zeitrahmen geht das gut. Bei einer 30-Minuten-Präsentation hätten Referent wie Publikum wohl irgendwann das Sauerstoffzelt aufsuchen müssen.

Dafür sitzt Oettings Sprache: Er spricht Klartext, verzichtet auf überflüssiges Fachvokabular. Er bezeichnet Werber als “ein paar total verrückte Typen”, eine Kampagne als “total krasse, voll lustige Sache”, redet von “dem von Remy von Matt besprochenen Grab” – und jeder weiß, was gemeint ist.

Gestik: angeregt statt abgeklärt

Die Gestik vieler Redner wirkt souverän und abgeklärt. Sie vermittelt Kompetenz und erinnert bisweilen an Barack Obama – die Hände locker in der Hüfte, vor dem Körper gefaltet oder einladend an das Publikum gewandt. Obamas Begeisterungsfähigkeit (oder Mick Jaggers) lassen die meisten allerdings vermissen.

Oetting bezieht “sein” Publikum mehr ein: Er erhebt die Stimme, macht kurze Pausen, will überzeugen. Immer wieder streckt er die Arme aus, zeigt und zählt mit den Fingern, ein paar Mal klatscht er sogar in die Hände. Die Gestik signalisiert: “Schaut zu mir, von mir erfahrt ihr, was ihr wissen wollt.” Das wirkt selbstsicher, überzeugt und überzeugend – auf eine herausfordernde Art.

Oettings Viralkonzert kommt an – bei den Branchen-Groupies wie bei den Fachkritikern: “Oetting kann begeistern” heißt es im Hamburger-zum-Mittag-Podcast. Kulturmarketing-Bloggerin Karin Janner bezeichnet Oetting als eines ihrer persönlichen Highlights. Medial & Digital kürt ihn zum “Helden” und Werbeblogger Roland Kühl-von Puttkamer berichtet von “Oetting in Topform”.

Während nebenan über “Rockbandism” gesprochen wird, hat sich Martin Oetting mit seiner persönlichen Rockshow bereits den Titel “Mick Jagger der next09″ gesichert – und mehr Aufmerksamkeit als mit jeder Kundenreferenz.

2 Comment(s)

  1. jovelstefan | Jun 16, 2009 | Reply

    Sind wir HzM-Podcaster denn Branchen-Groupies oder Fachkritiker? ;)

  2. Arne Wellding | Jun 16, 2009 | Reply

    Selbstverständlich zähle ich Euch zum kompetenten Fachpublikum – wie im Übrigen alle hier Genannten. Beste Grüße und weiter so!

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