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Agentur für Kommunikation mit Geist, Witz und Salomo

März 1, 2010

Wer Interviews zensiert statt korrigiert, schadet sich selbst

Das Autorisieren eines Interviews dient dazu, kleinere Missverständnisse auszuräumen. Häufig nutzen die Interviewten jedoch diese Gelegenheit, um ganze Passagen im Nachhinein glattzubügeln, zu streichen oder zu ergänzen – sprich: zu zensieren. Aber Vorsicht: Wenn Sie als Befragter mehr zensieren als korrigieren, wird das Interview am Ende gar nicht veröffentlicht. Oder schlimmer: Es wird veröffentlicht – in der von Ihnen beschnittenen Form.

Die Leser der Online-Ausgabe der taz staunten vor kurzem nicht schlecht, als sie ein Interview mit der Überschrift “XXXX XX XXXXX XXXXXX” zu lesen bekamen. Darin ging es nicht etwa um die britische Band “The XX“, sondern um den Leiter des Bremer Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, Ralf Altenhof. Dieser hatte sich im Interview über den umstrittenen Politikwissenschaftler Jesse geäußert und dabei nach eigenem Empfinden wohl keine allzu glückliche Figur gemacht. Jedenfalls untersagte er der taz im Nachhinein den Abdruck seiner Aussagen.

Ein Interview Satz mit X

Die Zeitung veröffentlichte das Interview trotzdem und ersetzte die zensierten Aussagen Altenhofs kurzerhand durch die Markierung Xxxxxx. Dazu die Bemerkung: “Die Antworten von Ralf Altenhof mussten wir streichen, weil er nicht dazu stehen wollte, was er uns zuvor am Telefon gesagt hatte. Außerdem wollte er uns das Interviewthema vorgeben.”

Das Interview mit X wurde für den Stiftungsleiter somit zum berühmten Satz mit X. Nicht nur stand er wie ein Rollerückwärts schlagender Spielverderber da. Aus der Formulierung der Fragen konnten sich die Leser nun selbst die Antworten zusammenreimen – und mehr Sprengstoff hineininterpretieren als dort womöglich ursprünglich zu lesen war.

Beispiel:

taz: Jesse gehört auch zu jenen, die gemeinsam mit dem Geschichts-Revisionisten Rainer Zitelmann publizierten und dem Nationalsozialimus zubilligen, er habe einen “Modernisierungsschub” bewirkt.

Altenhof: Xxxx xxxxxx xxxx xxxxx Xxxxxxxxxxx.

taz: Ich kenne nicht so viele. Die, die das im Chor mit Zitelmann sagen, gelten als Revisionisten. Da wird Hitler gerne auch als Sozialrevolutionär angesehen.

Altenhof: Xxxx xx xxxxxxxxx xxxx xxx, xxxx xx xx Xxxxxxxxxxxxxxxxxxx xx Xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx xxx. Xxxxx xxxxxx, xxxx xx xxx Xxxxxxxxxxx xx xxx Xxxxxxxxxx, xxx xxxx xxxxxxx xxxxxx.

Zum Beispiel?

Altenhof: Xxxxxx xxx xx xxxxx Xxxxxxxxxxxxxxxxxxx, xx Xxxx xxx Xxxx xxx xxx xxxxxxxxxxx.

taz: Aha.

Interviews aufhübschen: ein rotes journalistisches Tuch

Was Altenhof womöglich nicht wusste: Die taz versteht sich selbst als eine Art Vorreiter gegen die Praxis, Interviews im Nachhinein der Schönheitschirurgie von Presse-Profis zu unterziehen. Im Jahr 2003 mobilisierte sie acht weitere Tageszeitungen, um gemeinsam Stellung dagegen zu beziehen. Stein des Anstoßes war ein Interview mit dem damaligen SPD-Generalsekretär Olaf Scholz. Auch damals druckte die taz das Interview mit geschwärzten Passagen ab und erregte damit Aufsehen.

Altenhof hätte also ahnen können, dass er mit dem Verbot der Veröffentlichung in ein journalistisches Art Wespennest sticht. Denn die taz ist nicht der einzige Vertreter, bei dem die “Säuberung” von Interviews verpönt ist. Der Journalist Christian Thiele bezeichnet in seinem Blog Interviews führen das Autorisieren als “einerseits die Pest – und anderseits auch”. Die F.A.Z. schrieb über den “alltäglichen Autorisierungswahn” und Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung bezeichnete die Veröffentlichung eines geschönten Interviews gar als “Todsünde“.

Keine Autorisierungspflicht für Journalisten

Was ist eigentlich das Problem der Medien? Die Autorisierung ist in Deutschland nicht gesetzlich geregelt. Besteht keine anderweitige Absprache, dürfen Medien ein Interview ohne Vorlage beim Interviewpartner veröffentlichen. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die Autorisierung hierzulande aber so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz. Wird dabei die Nachbearbeitung zu weit getrieben, verlieren Interviews ihren Sinn.

Denn Interviews leben von Spontaneität und der Dynamik der Gesprächssituation. Ein guter Interviewer kitzelt auch mal eine Aussage hervor, die etwas gewagter ist, die Aufsehen erregt und polarisiert. Und beide Seiten haben letztlich etwas davon: Der Befragte erhält mediale Beachtung – und das Pressemedium ein interessantes Interview (und im besten Fall eine gute Auflage).

Die unkenntliche Geschichte

Geht aber für eine Seite der Nutzen an diesem Deal verloren, gerät der Sinn der Institution Interview in Wanken – jedenfalls in Bezug auf die betreffende Person. Mit anderen Worten: Spricht sich herum, dass Interviews mit einer bestimmten Person problematisch sind und in einer lahmen Aneinanderreihung von PR-Floskeln enden, hat diese Person künftig mehr freie Termine im Interviewkalender – so wie nun vielleicht Altenhof.

Ähnlich wie ihm erging es vor einigen Jahren dem Musiker Maximilian Hecker. Er untersagte der Musikzeitschrift Intro kurz vor Redaktionsschluss die Veröffentlichung einiger Aussagen. Aufgrund des Zeitdrucks sah sich die Zeitung damals ebenfalls zur Aus-X-ung ganzer Passagen gezwungen – was bei den Lesern zumindest einige Fragezeichen in Bezug auf Hecker hervorgerufen haben dürfte. Der schöne Titel des zensierten Artikels: “Die unkenntliche Geschichte.”

4 Comment(s)

  1. Untersser | Sep 5, 2010 | Reply

    Danke für diese infos Poloshirts

  2. FengShui | Sep 13, 2010 | Reply

    Sehr interessant das ganze,danke Feng Shui in der Praxis
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  3. Florian | Mai 30, 2012 | Reply

    Sehr schön Artikel. Natürlich hat die Autorisierung auch den Sinn, dass die jeweilige Zeitung das Interview auch korrekt wiedergibt. Generell jedoch finde ich eine nachträgliche Verschönerung nicht gut.

  4. Blog Schönheitschirurgie | Mai 9, 2017 | Reply

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1 Trackback(s)

  1. Mrz 22, 2010: Interviews zensieren ist doof. Fotos zensieren auch. : Blog der unique relations GmbH

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