Blog der unique relations GmbH

Agentur für Kommunikation mit Geist, Witz und Salomo

März 18, 2010

Viele Köche veredeln den Brei: Produkte entwickeln im 21. Jahrhundert

Vier Augen sehen mehr als zwei – das ist eine Volksweisheit. Mit der rasanten Vernetzung im Internet gewinnt das Konzept der “Weisheit der Vielen” noch an Bedeutung. Die Grundaussage: Je mehr Menschen Sie bei einem Problem zu Rate ziehen, desto besser wird das Ergebnis. Viele Köche verderben also nicht den Brei, sie machen ihn erst richtig schmackhaft.

Mit anderen Worten: Beziehen Sie Ihre Zielgruppen schon in die Entwicklung von Produkten ein und nutzen Sie so die “Weisheit der Vielen”. Das Prinzip ist nicht neu: Bereits der weise König Salomo riet Entscheidungsträgern zu einer Vielzahl von Ratgebern. Und Aristoteles verwendete die Wendung “Weisheit der Vielen” in seiner Politik, um die Vorzüge der Volksherrschaft hervorzuheben.

Seit dem Erscheinen des gleichnamigen Buches im Jahr 2004 ist die Weisheit der Vielen nun auch ein geflügelter Ausdruck geworden im Bezug auf die Kommunikation im Internet. Autor James Surowiecki argumentiert in dem Buch, dass gemeinsame Gruppenentscheidungen in der Regel zu besseren Ergebnissen führen als die Lösungen Einzelner.

In die gleiche Kerbe schlägt ein Artikel mit dem Titel “Vom Wert der Vielen im Internet”, der kürzlich in der WirtschaftsWoche veröffentlicht wurde. Der Tenor: “Die Wirtschaft muss das vernetzte Wissen im Internet für sich nutzen.” Wie das gehen kann, hat der Autor des Artikels und Vorzeige-Social-Webber Sascha Lobo beim Schreiben des Artikels gleich einmal selbst vorgemacht.

Debattenbeitrag 2.0: im Dialog statt im Kämmerlein

Ziel Lobos war es, den Betrag so zu schreiben, wie es im 20. Jahrhundert noch nicht möglich gewesen wäre: im Dialog mit dem Publikum, statt allein im stillen Kämmerlein. Darum wurde die potenzielle Leserschaft von Anfang an in die Entstehung des Debattenbeitrags 2.0 einbezogen – von der Recherche über die Entstehung der Struktur bis zur Rohversion des fertigen Textes.

Die Diskussion zum Artikel wurde auf Lobos Homepage laufend fortgeführt, relevante Bookmarks über den Bookmarking Service Delicoius gesammelt, andere interessante Inhalte über ein eigens eingerichtes Mini–Weblog lanciert. Als weitere Plattformen dienten die Facebook-Seite der Wirtschaftswoche, Lobos Twitter-Account und die Homepage der Wirtschaftswoche.

Das Ergebnis: Als der fertige Artikel zwei Wochen später erschien, hatten laut WirtschaftsWoche rund 15.000 Menschen die Ankündigung des Vorhabens gelesen und 116 Kommentare hinterlassen. Über die Social-Media-Kanäle hatten mehr als 30.000 Menschen von dem Artikel erfahren. Aber wurde der Artikel dadurch auch besser? Ja, sagt Autor Lobo. Durch die Anregungen habe sich ein Gesamtbild ergeben, das er sich allein nicht hätte erarbeiten können.

Na gut, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Das klingt ja ganz interessant, ich habe aber mit dem Internet nicht allzu viel zu schaffen. Was bringt mir das Ganze also für mein Geschäft?

Zielgruppen einbeziehen – in allen Phasen

Natürlich müssen Sie als Unternehmer nicht alle Schleichwege des Internets beherrschen. Aber bezogen auf Ihr Fachgebiet können Sie aus dem Vorgehen Lobos einige wertvolle Anregungen ziehen für Ihre Kommunikation mit Kunden, für die Entwicklung Ihrer Produkte und für Ihr Marketing. Denn Kunden einbeziehen, Feedback aufnehmen und kontinuierlich verbessern ist nicht nur den Internet-Gurus dieser Welt vorbehalten – sondern auch zum Beispiel einem Eismann, der eine neue Eissorte entwickeln möchte.

Dafür kann sich der Eismann in sein Kämmerlein zurückziehen. Dort experimentiert, mischt und probiert er so lange, bis er zufrieden ist und die neue Sorte präsentiert. Aller Bemühungen zum Trotz nehmen die Kunden die neue Geschmacksrichtung dann womöglich trotzdem nicht an. Diesen Flop kann der Eismann nach dem Prinzip der Weisheit der Vielen vermeiden, indem er die Kunden in die Entwicklung der neuen Eissorte einbezieht – in allen Phasen des Prozesses:

  • Vorher: Sie geben als Fachmann auf Ihrem Gebiet die Richtung der Entwicklung vor – so wie es Lobo bei seinem Artikel tat. Überlegen Sie als Eismann zum Beispiel, welche Sorten bislang am besten laufen und wonach Sie häufig Nachfragen erhalten. Lassen Sie aber genügend Freiraum für die Anregungen und Meinungen Ihrer Kunden, insbesondere Ihrer Stammkunden: Welche Eissorten wünschen sie sich? Lieber Frucht- oder Milcheis? Mit Schokostreuseln oder Fruchtstücken?

    Machen Sie sich ein Bild über die Wünsche der Kunden, indem Sie die Vorschläge gezielt auswerten. Belohnen Sie das Engagement und die besten Ideen, zum Beispiel mit einem Gratis-Eis. Auch Lobo hat die Mitwirkung der Leser honoriert, indem er die Hälfte seines Honorars für den Artikel zur Verfügung gestellt hat.
  • Währenddessen: Das Experimentieren, Mischen und Probieren muss nicht im besagten stillen Kämmerlein stattfinden. Holen Sie sich zu bestimmten Meilensteinen jeweils Feedback ein – so wie Lobos Artikel permanent kommentiert, ergänzt und kritisiert wurde. Ist die Eis-Mischung bislang zu süß? Oder nicht süß genug? Was fehlt? Würden Ihre Kunden das kaufen? Wie gefällt ihnen der Name der neuen Sorte? Sammeln Sie Anregungen und berücksichtigen Sie diese bei der weiteren Entwicklung.
  • Danach: Wenn das Produkt im Verkauf ist, ist die Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Die Debatte des Lobo-Artikels wurde auch nach der Veröffentlichung weitergeführt, kommentiert und ergänzt. Bitten auch Sie Ihre Kunden regelmäßig um ehrliche Rückmeldungen und nutzen Sie diese für Verbesserungen. Das gilt im Übrigen nicht nur für neue Produkte: Eine Sorte wird von den Kunden links liegen gelassen? Finden Sie heraus, wieso.

Von der Produktentwicklung zum Marketing

Mit einer solchen Vorgehensweise können Sie nicht nur sicher sein, dass Sie nicht an Ihrer Zielgruppe vorbeientwickeln. Sie machen auf sich aufmerksam und schaffen zusätzliche Anknüpfungspunkte für Ihr Marketing: So sind die Kunden des Eismanns sicherlich stolz auf ihre Mitwirkung – und empfehlen “ihre” Eissorte an Freunde und Bekannte weiter.

Verbessert wird zudem die Bindung zu den Kunden, die sich durch ihre Einbeziehung ernst genommen fühlen. Und wie Lobo durch den interaktiven Artikel seinen Ruf als digitaler Trendsetter, Web-2.0-Guru und Ober-Blogger stärkt, positionieren Sie sich so vielleicht als der heißeste Eis-Dealer am Platze. Viele Köche machen also nicht nur den Brei schmackhaft, sondern auch – wenn Sie es gut anstellen – Ihr Produkt.

4 Comment(s)

  1. Catharina | Sep 16, 2010 | Reply

    Hallo lieber Arne, super Artikel, herzlichen Glückwunsch!! Ich finde es toll, dass Du auch an Konsumgüter denkst, wenn Du über Open Innovation redest (Eissorten etc.). Oft ist dies ja eher ein Thema aus dem Investitionsgüterbereicht, Konsumgüter erscheinen da zu “trivial”. Finden wir aber nicht :) Gerade bei Produkten, die man häufig im Alltag benutzt, können doch viele mitreden.
    Gerne würde ich Dir deswegen unsere neue facebook-Applikation vorstellen, wo wir versuchen, “soziale Produktentwicklung” zu ermöglichen. WIr wollen, dass Communities gemeinsam Produkte entwickeln können, die dann auch so auf den Markt kommen. Das erste Projekt ist gerade abgeschlossen, der “Social Senf” kommt in ca. 2 Wochen auf den Markt. Für diesen Senf haben sich 1.500 Menschen eingebracht! Gestern startete unser neues Projekt, die unserAller Badebombe… Ach ja, das ist die Plattform: http://www.unserAller.de. Denn es sollen ja “unserAller” Produkte werden, die dort entstehen.
    Vielleicht interessiert es Dich ja, Du kannst mich gerne für Fragen unter catharina@unserAller.de erreichen.
    Herzliche Grüße aus München!
    Catharina

  2. Catharina | Sep 16, 2010 | Reply

    ach ja, hier gibts mehr Infos zum Senf-Projekt, wir haben eine kleine Case-Study geschrieben: http://www.slideshare.net/innosabi/unseraller-case-study-senf

  3. Arne | Sep 16, 2010 | Reply

    @Catharina: Interessante Studie, interessantes Projekt, interessante Senf-Sorten. Wär spannend zu sehen, wie nachhaltig diese Produkte sich später behaupten. Mir macht ja Mango-Honig-Curry am meisten Appetit…

  4. Catharina | Okt 7, 2010 | Reply

    Hallo Arne,
    kleines Update: Der erste “Social Senf” ist nun verfügbar – http://www.unserAller.de/shop ! Mango-Honig-Curry gibt es natürlich auch :)
    Viele Grüße! Catharina

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